Somatoforme Störungen - was ist das?

Du bist beim Arzt, die Untersuchungen sind unauffällig — und trotzdem tut es weh. Der Rücken, der Bauch, der Kopf. Vielleicht auch ein Kribbeln, Taubheitsgefühle, Herzrasen oder anhaltende Erschöpfung. Die Beschwerden sind real, der Leidensdruck ist real — aber ein körperlicher Befund, der alles erklären würde, fehlt. Das ist eine Situation, die zermürbt. Und die viele Betroffene über Jahre begleitet, ohne dass sie wissen, wohin damit.

Somatoforme Störungen — oder in der neueren Klassifikation auch somatische Belastungsstörungen — beschreiben genau dieses Muster. Körperliche Beschwerden, die sich nicht ausreichend durch einen organischen Befund erklären lassen, aber das Leben erheblich einschränken. Dabei geht es nicht darum, ob die Beschwerden "echt" sind. Sie sind es. Die Frage ist eine andere: Welche Rolle spielen psychische Prozesse dabei, dass sie entstehen, anhalten oder sich verstärken?

Wie verbreitet ist das?

Häufiger als die meisten denken. Schätzungsweise jeder vierte bis fünfte Erwachsene sucht irgendwann einmal Unterstützung wegen körperlicher Beschwerden, für die sich keine eindeutige organische Ursache findet. Somatoforme Störungen zählen damit zu den häufigsten psychischen Erkrankungen überhaupt — und werden gleichzeitig am spätesten erkannt und behandelt. Zwischen dem ersten Auftreten der Beschwerden und einer passenden Diagnose vergehen im Durchschnitt drei bis fünf Jahre.

Männer und Frauen sind beide betroffen, wenn auch in unterschiedlicher Häufigkeit: Frauen suchen häufiger Unterstützung, während Männer die Beschwerden oft lange allein tragen — oder sie als rein körperliches Problem rahmen. Gerade bei Männern nehmen somatoforme Symptome mit dem Alter zu, besonders in der Phase zwischen 45 und 65 Jahren.

Was steckt dahinter?

Somatoforme Störungen entstehen nicht aus einer einzigen Ursache. Stressbelastung, frühe Erfahrungen, bestimmte Persönlichkeitsmerkmale und die Art, wie jemand mit Emotionen umgeht, spielen zusammen. Ein zentrales Muster, das die Forschung immer wieder beschreibt: Gefühle, die schwer in Worte zu fassen sind, suchen sich einen anderen Weg — und finden ihn im Körper. Das ist kein Charakterfehler und keine Schwäche. Es ist ein Muster, das sich verändern lässt.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Aufmerksamkeit. Wer körperliche Signale sehr genau beobachtet und dazu neigt, sie als bedrohlich zu bewerten, verstärkt sie dadurch unwillkürlich. Was als Schutzreaktion beginnt, kann die Beschwerden dauerhaft aufrechterhalten.

Was kann man therapeutisch tun?

Die Verhaltenstherapie ist bei somatoformen Störungen eines der bestuntersuchten und wirksamsten Behandlungsverfahren. Im Mittelpunkt steht zunächst das Verstehen: Was passiert genau — in welchen Situationen, mit welchen Gedanken, mit welchen körperlichen Reaktionen? Dieses Bild zu entwickeln ist bereits ein erster therapeutischer Schritt, weil es aus der Hilflosigkeit herausführt.

Darauf aufbauend arbeiten wir an konkreten Mustern: Wie lenke ich meine Aufmerksamkeit? Welche Überzeugungen über meinen Körper helfen mir — und welche nicht? Was tue ich, wenn die Beschwerden stärker werden, und was hält sie dadurch aufrecht? Verhaltensänderungen, Wahrnehmungsübungen und der schrittweise Aufbau von Aktivitäten trotz Beschwerden sind zentrale Bausteine.

Das Ziel ist keine vollständige Beschwerdefreiheit um jeden Preis — sondern ein anderer Umgang: mehr Handlungsfähigkeit, weniger Kontrollverlust, mehr Lebensqualität.

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